Mit 18 Jahren und frisch aus der Schule hatte ich natürlich noch gar keine Ahnung, vom „echten“ Leben. Die meisten Erwachsenen um mich herum haben mir zu etwas „Sicherem“ geraten: Also Studium oder Ausbildung, „damit man erstmal was in der Tasche hat“. Vielleicht kennst du den Spruch sogar selbst? Weil ich schon wusste, dass ich auf jeden Fall Pferdefotografin werde („brotlose Kunst“, wie manch einer meinte), habe ich mich dann zu einer klassischen Berufsausbildung zur Fotografin entschieden. Mir war der praktische und betriebliche Teil zunächst wichtiger, als die Kunst der Fotografie. Sogar mit Studiofotografie konnte ich zu Beginn meiner Ausbildung noch gar nichts anfangen! Kaum zu glauben, dass ich heute vor allem für meine Studiobilder bekannt bin. Aber damals kannte ich nur die schrecklich gestellten und gruselig beleuchteten Familienportraits aus den verstaubten Schaufenstern von Kleinstadtfotografen.
Leider erging es mir in meiner Ausbildung so, wie etwa 80% aller Azubis der Fotografie. Mein Betrieb war furchtbar. An einem etwa 30cm tiefen Regal an der Wand, unter dem ich meine Beine nicht mal vernünftig platzieren konnte, verbrachte ich den größten Teil meiner Zeit damit, geschlossene Augen irgendwelcher Gruppenbilder auszutauschen. Leider waren die Mitarbeiter*innen des Ladens nicht ansatzweise in Sachen Photoshop (oder dem Umgang mit Brennweiten, Lichtsetzung und dem Fotografieren im Freien) geskillt. Ebenen, Masken, Einstellungsebenen – alles Fremdwörter. Auch das Studio sah ich erst nach Monaten und einigen Gesprächen mit der Leitung überhaupt einmal von innen während eines Shootings. Davor durfte ich höchstens am Wochenende mit zu einer Hochzeit, um… daneben zu stehen.
Das alles hielt mich jedoch nicht davon ab, in meiner Schulzeit in Potsdam all das nachzuholen, was ich im Betrieb einfach nie gelehrt bekam. Trotzdem wurde ich auch dort mit Bremsversuchen konfrontiert. Ich sollte mich doch lieber „breiter aufstellen und nicht nur Tiere fotografieren“, hieß es.
Hätte ich jemals auf einen dieser Sprüche gehört, hätte ich mich nie getraut überhaupt loszugehen!
Ein Bildband von Tim Flach über Pferde entfesselte meine große Liebe für die Studiofotografie. Daraufhin unterstützte einer meiner Lehrer meinen Plan, Tierfotografin zu werden. Er organisierte mir tierische Models, die ich in den Schulstudios fotografieren konnte. Außerdem gab er mir einen Kontakt zur Firma Hensel, die bis heute zu meinen wichtigsten Unterstützern in Sachen Licht gehört! Herr Schmidt, falls Sie das jemals lesen: Ich danke Ihnen vom ganzen Herzen.
Auch im Ausbildungsbetrieb durfte ich wenige Male, natürlich erst nach Feierabend, im Studio üben. Es zeichnete sich kurz darauf ab, dass die Leitung offensichtlich bemerkte, wo mein Talent steckte und dass ich durch mein neugewonnenes Know-How zu einer „Konkurrenz“ heranwuchs. Mit einer lächerlichen Abmahnung versuchte man mir dann, all die Bilder wieder wegzunehmen, die ich in meiner Freizeit – übrigens auch außerhalb des Studios – fotografiert hatte. Heute schreibe ich darüber sehr locker, weil ich weiß, wie absurd die Situation war. Damals aber haben mich die ganzen Dämpfer aus dem Studio schwer getroffen. Rhetorische Gemeinheiten, widersprüchliche Anweisungen – kurz um, die Führungsebene des Ladens war menschlich inkompetent, irrational und im höchsten Maße toxisch.
Diese Erfahrung prägt mich bis heute: Ich möchte nicht für Arschlöcher arbeiten.
Ich möchte meine Lebenszeit und mein Talent an niemanden geben, der meine Arbeit nicht wertschätzt. Wohlgemerkt, als Ausbildungsgehalt bekam ich nicht mal 130 Euro im Monat. Die Reise und Unterkunft für die Berufsschule kostete allein schon mehr. Noch in meiner Ausbildungszeit trennte ich mich von meinem Betrieb und begann meinen Weg in die Selbstständigkeit. Einen besseren Zeitpunkt zum Durchstarten gab es einfach nicht. Schließlich muss man irgendwann einfach anfangen! Die Gesellenprüfung habe ich erfolgreich bestanden und durch die Unterstützung der Firma Hensel hatte ich sogar schon die ersten Shootings mit Pferden im Studio im Kasten. Übrigens: Die weggenommenen Bilder durch die Abmahnung habe ich mir vor Gericht wieder zurück geholt.